
VERSCHICKUNGSKIND
Lieber Andre,
tausend Dank für Deine Unterstützung und Deine Unterlagen zu unserer gemeinsamen „Kinderkur“ nach Muggendorf.
Danke, dass ich Deine Unterlagen hier und in weiteren Ausstellungen zeigen darf.
Diese Dokumente, Briefe, Broschüren und Flyer erzählen unsere Geschichte.
Danke… Danke, dass wir uns gemeinsam erinnern können.
Herzliche Grüße nach Oldenburg
Petra
Danke, auch an Anja Röhl und ihrem Verein Aufarbeitung und Erforschung von Kinder-Verschickungen e.V.

„Alle meine Erinnerungen an die „Kinderkur“ in Muggendorf sind entweder sehr dunkel oder mit dunklen Schatten durchzogen. Ich frage mich heute, lag es wirklich nur an der Jahreszeit?“
Petra Webersik

Fotos: Petra Webersik
„Es ist lange her und ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, aber ich kann dazu beitragen, dass das, was ich in diesen Kinderkurheimen erlebte, sich nie wiederholt. Und dazu will ich meinen Beitrag leisten. Ich werde endlich reden!“
Petra Webersik
Meine Verschickungen:
Große Kinderkurheime:

03. 11. – 14. 12.1972 „BRK-Heim“ Muggendorf, Wiesenttal /Fränkische Schweiz

23.09. – 29.10.1976 DAK-Kinderkurheim „Schuppenhörnle“, Feldberg / Schwarzwald
Kleine Kinderkurheime:

13.09. – 26.10.1978 Kinderkurheim „Rumpelstilzchen“, Insel Borkum / Ostfriesland

02.05. – 07.06.1979 Kinderheim „Haus Goltermann“, Insel Föhr / Nordfriesland
Jugendkur mit 14:

13.03. – 10.04.1981 DAK-Jugendkurheim „Bergerhof“, Dietramszell / Oberbayern
Der zuständige Heimarzt in Muggendorf war zum Ende des Dritten Reiches Anhänger und Mitglied der NSDAP. Inwieweit in dem „BRK-Heim“ Muggendorf Medikamentenversuche oder sexueller Missbrauch an Kindern durchgeführt wurde, ist bis zum heutigen Zeitpunkt ungeklärt. Leider kann es nicht ausgeschlossen werden.
Wie alles begann:
Reise nach Muggendorf, 1972
Ein paar Daten zum Heim in Muggendorf:
Bettenzahl: 150
Vertragsheim der DAK: 1953 – 1976
Träger: BRK (Bayerisches Rotes Kreuz) Kreisverband Forchheim
Aufnahme: Kinder im Alter von 4 bis 14 Jahren
Vorschriften der Krankenkasse:

Quelle: Unterlagen, Andre
Hinweise und Vorschriften der Krankenkasse:

Quelle: Unterlagen, Andre
Broschüre zur Kinderkur:

Mit freundlicher Genehmigung: DAK Team – Verschickungskinder.






Flyer Kinderkur:

Mit freundlicher Genehmigung: DAK Team-Verschickungskinder.

Weiterer Flyer zur Kinderkur:

Mit freundlicher Genehmigung: DAK Team-Verschickungskinder


Quelle: Unterlagen, Petra Webersik

Damals war ich 6 Jahre alt. Meine Schwester 5. Einige Monate zuvor war unser Vater bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt und meine Mutter sollte sich bei einer Kur von den Strapazen der letzten Monate erholen.
Dies waren im November 1972 die traurigen Voraussetzungen für eine Kinderkur, verbunden mit einer langen Anreise mit dem Zug von Peine in Niedersachsen nach Muggendorf in die Fränkischen Schweiz.
Von den Vorbereitungen bekamen wir als Kinder nicht viel mit. Auch wurden wir nur wenig auf diese Reise vorbereitet. Es wurde uns aber eine schöne Zeit versprochen.
Woran ich mich erinnern kann, ist, dass es eine Liste mit Vorschriften gab, welche Kleidungsstücke wir mitbringen mussten. Unsere Mutter schrieb in unsere Kleidung unseren Namen und nähte kleine Namensetiketten ein. Nur „bei Bedarf“ wurde in dem Kinderkurheim für uns Kinder gewaschen. Das wurde auch auf der Liste so vermerkt. Laut Liste sollten sich für sechs Wochen Kuraufenthalt 6 bis 8 Schlüpfer und 6 Unterhemden pro Kind in dem Koffer befinden. Wenn etwas dreckig war, musste es weiter getragen werden, bis wieder der Kleidungswechsel anstand. Das war einmal in der Woche!


Quelle: Unterlagen, Andre
Am Tag der Abfahrt nach Muggendorf bekamen wir, meine Schwester und ich, ein Band mit einem Anhänger um den Hals, auf dem unser Name und Anschrift stand. Wie bei einem Gepäckstück, dass man aufgibt.

Quelle: Unterlagen, Andre

Soft Skulptur von Petra Webersik

Quelle: Unterlagen, Andre

Quelle: Unterlagen, Andre

Quelle: Unterlagen, Andre

Quelle: Unterlagen, Andre


Quelle: Unterlagen, Andre


Unsere Mutter verabschiedete sich morgens in Hannover am Bahnhof von meiner Schwester und mir, übergab uns ein kleines Glücksschwein aus Marzipan und richtete die Worte an mich „Pass gut auf deine kleine Schwester auf“. So wurden wir einer fremden Frau am Bahnhof übergeben. Den Adressanhänger am Hals durften wir auf der gesamten langen Fahrt von Niedersachsen in die Fränkische Schweiz nicht abnehmen.
Es war dunkel als wir in Muggendorf um 18:23 Uhr ankamen.

Quelle: Unterlagen, Andre
Wir hatten damals den Tod von unserem Vater noch nicht richtig verarbeitet, traten eine lange Reise ohne unsere Mutter an und als Geschwisterkinder wurden wir sofort nach der Ankunft in Muggendorf getrennt. Es war so unendlich traurig. Es fühlte sich so schlimm an…

Unser Kindertransportzug war der Letzte, der in Muggendorf eintraf. Ich saß nach der Ankunft und der Trennung von meiner Schwester ganz allein in einem leeren Speisesaal und bekam einen Teller mit ein paar geschmierten Brotscheiben hingestellt.
Es gab roten Tee. Ich glaube es war Hagebutte. Meine Schwester, so hieß es, saß in einem anderen Raum. Ich bekam keinen Bissen hinunter, musste aber eine halbe Ewigkeit sitzen bleiben und durfte nicht aufstehen. An diesem ersten Abend kam ich mir so allein und verloren vor. So weit weg von Zuhause, saß ich in einem großen kalten Raum, mit vielen nackten Tischen und leeren Wänden. Nachdem ich mehrmals nach meiner Schwester fragte, sagte mir eine Frau, dass meine Schwester alles aufgegessen hat und schon im Bett lag.
Auch nach einigen Tagen fühlte ich mich so allein, aß schlecht und man ließ mich ewig allein im Speisesaal zurück, bis ich die Speisen auf meinem gefüllten Teller aufgegessen hatte. Ich weinte viel. Immer wieder fragte ich nach meiner Schwester. Ich vermisste sie so sehr.….

Collage: Petra Webersik
Meine Schwester und ich „wohnten“ in diesem Muggendorf unter einem Dach, doch wir sahen uns nicht. Wie konnte es nur möglich sein, dass wir uns nicht über den Weg liefen? Lebte meine Schwester noch? Ich sollte doch gut auf sie aufpassen…


Ich kann mich noch genau erinnern, wie groß damals mein Kummer war und wie ich nach etlichen Tagen unter Tränen einer Frau (ich habe sie inzwischen als Heimleiterin identifiziert) auf ihre Fragen im Befehlston „Na, warum weinst Du denn so viel und willst nichts essen?“ von dem Tod meines Vaters, von dem Heimweh nach meiner Mutter und Schwester erzählte und denke, dass sie dafür sorgte, dass ich ein paar Tage darauf in die Gruppe zu meiner Schwester kam. Die Kinder in dieser Gruppe waren alle viel jünger und kleiner als ich. Das war egal.

Das was zählte, war, dass ich ab sofort wieder mit meiner Schwester zusammen sein konnte und so ließ tatsächlich auch ein wenig mein Heimweh nach.

Foto: Petra Webersik
Es gab sehr oft Redeverbot in diesem Muggendorf. So durften wir auch nicht während der Mahlzeiten reden.
Es musste muckmäuschenstill sein. Reden oder flüstern war nicht erlaubt. Wehe, man hielt sich nicht an diesen strikten Vorgaben.
Eine Betreuerin war gewalttätig.
Ich fürchtete mich sehr vor ihr.
Beachtete man dieses Redeverbot nicht, kam sie blitzschnell um den Tisch herum und schlug uns von hinten mit einem Löffel auf den Kopf.
Damals war ich sehr erleichtert, als sie sich beim Sitzen am Basteltisch ein Rückenleiden zuzog, sich nicht mehr bewegen und uns für ein paar Tage nicht betreuen konnte…

Collage: Petra Webersik
In Muggendorf bekamen wir das Essen zugeteilt und mussten alles aufessen, was sich auf unserem Teller befand. Die Portionen bzw. das Essen oder auch die Beilagen durften wir nicht frei wählen. Das Essen war weder kindgerecht, noch liebevoll angerichtet. Es roch merkwürdig und schmeckte scheußlich. Oft schaffte ich diese großen Portionen nicht und musste lange alleine vor meinem Teller im leeren Speisesaal (oder fast leeren Speisesaal – manchmal saßen wir auch zu zweit oder dritt) sitzen bleiben. Teilweise saß ich bis zur nächsten Mahlzeit. Reden war verboten.
Oft gab es auch heiße Milch, auf der sich Milchhaut absetzte. Ich brachte sie nicht hinunter. Sie war so scheußlich und immer wieder wurde ich gezwungen, die Tasse zu leeren.


Quelle: Unterlagen, Andre

Quelle: Unterlagen, Andre
Hatte ich aufgegessen, wurde Mittagsschlaf gehalten. Auch hier bestand absolutes Redeverbot. So wie wir uns hinlegten, mussten wir über die gesamte Zeit der Mittagsruhe liegen bleiben. Keiner durfte sich bewegen. Das war für mich kaum auszuhalten. Das Gefühl, das ich damals empfand, war, als würden tausende Ameisen über meinen gesamten Körper laufen und ich kam nicht weg. Rührte man sich, wurde man bestraft und musste die zwei Stunden Mittagsruhe mit dem Gesicht zur Wand im Flur stehen.

In Schuppenhörnle saß ein Kind zwei Stunden unter einem Tisch als Strafe, weil es sich während der Mittagsruhe bewegte.

Quelle: Unterlagen, Andre

Quelle: Unterlagen, Andre
Auffällig in einigen meiner Befundberichte ist, dass ich ohne Medikamente und gesund zur Kinderkur anreiste, doch im Laufe der Kurzeit mir Medikamente verabreicht wurden. Damit konnte eine weitere Kur begründet werden.

Quelle: Unterlagen, Petra Webersik
In Muggendorf galt für alle Kinder ab 19 Uhr Bettruhe. Wir durften nach 19 Uhr nicht mehr aufstehen. Auch nicht, wenn wir noch einmal dringend zur Toilette mussten.
Als Kinder waren wir, meine Schwester und ich, sehr früh „sauber“ und benötigten keine Windel oder machten auch nachts nicht ins Bett. Darauf war unsere Mutter sehr stolz. Aber in Muggendorf war alles anders. Wenn ich nicht mehr aufhalten konnte, machte ich zwangsläufig ins Bett. Ich schämte mich sehr, zumal andere Kinder das auch mitbekamen und auch einige spotteten. Wer ins Bett machte, wurde mit Flüssigkeitsentzug bestraft.
Auch ab 19 Uhr galt ein absolutes Redeverbot. Manchmal flüsterten meine Schwester und ich im Bett. Wenn wir erwischt wurden, wurde ich von der Aufsicht aus dem Bett gezerrt und musste mit nackten Füßen im kalten Flur stehen. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie kalt meine Füße waren und wie oft ich dort fror. Es war Winter und die Schlafsäle waren nicht sonderlich warm oder beheizt.
Kinder verspüren im Dunkeln oft Angst. Das war in Muggendorf nicht anders. Warum man uns dann noch mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchten musste, um lange zu überprüfen, ob wir wirklich schlafen, ist mir heute unbegreiflich. Es löste jedes Mal wahnsinnige Angst in mir aus. Wurden wir im schlaflosen Zustand erwischt, folgte eine Strafe. Immer und überall wurden wir Kinder kontrolliert und standen unter Beobachtung. Es gab keine Privatsphäre.

Collage: Petra Webersik
In Muggendorf wurde mir immer wieder angedroht, wenn ich nicht lieb bin, dürfen wir nicht nach Hause fahren.
Da man ja mit mir so viel geschimpft, an mir gezogen und mich geschlagen hatte, war ich damals fest davon überzeugt gewesen, dass wir unsere Mutter nie wieder sehen würden. Ich weiß noch, dass ich sehr überrascht war, als mein Koffer plötzlich auf meinem Bett lag und es hieß: Ein Kleiderwechsel steht an und alles muss eingepackt werden.
Es ging tatsächlich nach Hause. Ich konnte mein Glück nicht fassen.

Quelle: Unterlagen, Andre
Ich wurde fünfmal über die DAK verschickt.
Zugenommen, das war angeblich das Ziel dieser Kuren, hatte ich selten, meistens sogar abgenommen.
Dafür nahm ich nicht nur einen Koffer mit meiner verschmutzten Kleidung mit zurück nach Peine, ich nahm einen Koffer mit Erinnerungen, Erfahrungen und Glaubenssätzen mit, die mich mein ganzes Leben begleiten sollten.

Oft hinderten mich diese Erfahrungen daran, ein unbesorgtes Leben zu führen, hielten mich nachts wach, ließen mich in Unruhe zurück. Auch konnte ich nie jemanden vertrauen, hatte Bindungsängste und vieles, vieles mehr……

Einerseits musste mit dem Mund massenHAFT Nahrung aufgenommen werden, andererseits durfte auch kein Laut aus ihm heraus kommen. „Rein und gut schlucken“ war erwünscht. Nur nach strengen Regeln und Aufforderung durfte gesprochen werden. Ist es verwunderlich, dass wir so lange schwiegen?
Fotomontage: Petra Webersik
Als Kind dachte ich immer, dass ich die angeordneten Aufgaben falsch umgesetzt hätte und nur deshalb bestraft wurde. Hatte an mir gezweifelt und mich fürchterlich geschämt.
Die „Schwestern“ hatten uns angewiesen, nicht über die Vorfälle zu sprechen. Wir sollten unseren Eltern keinen Kummer bereiten.
Wir wurden für alles schuldig gesprochen.
„Der Nikolaus verrät uns auch, welche Kinder brav sind, wer schön ist, wer beim schlafen still ist…“




Flyer „Ratschläge für die Eltern nach der Kur“:

Mit freundlicher Genehmigung: DAK Team-Verschickungskind

Broschüre „Wir spielen“:

Mit freundlicher Genehmigung: DAK Team-Verschickungskind




Als ich in die Schule kam, bekam ich schlechte Noten, weil ich nichts sagte. Ich war so stark von der ersten Kinderkur in Muggendorf
traumatisiert und eingeschüchtert,
so dass ich mich nicht mehr traute, außerhalb meiner vertrauten Umgebung etwas zu sagen.
Nach der Kur in Muggendorf war ich still geworden, resignierte, lebte zurückgezogen in meiner eigenen (Traum)Welt, verhielt mich angepasst und versuchte es allen und jedem recht zu machen.
Wie oft wurde ich nur in diesen Kinderkurheimen von Kopf bis Fuß mit kaltem Wasser abgespritzt? Ich weiß heute aus unseren Recherchen, das kaltes Wasser auch oft als Strafe eingesetzt wurde.
Im Kinderkurheim Schuppenhörnle wurde ich während des Kuraufenthalts krank. Ich bekam hohes Fieber und man brachte mich in ein Isolierzimmer. Keiner durfte mich besuchen. Auch meine Schwester nicht. Ich lag allein in diesem Zimmer.
Alles war weiß. Das Bett, die Bettwäsche, die Wände, die Decke. Morgens, mittags und abends sah jemand nach mir, brachte mir Essen, es wurde Fieber gemessen, ich bekam Wadenwickel und Medikamente. Es gab nichts zu lesen und auch nichts zu spielen. Fernsehen sowieso nicht. Wenn ich nicht schlief, starrte ich an die Decke.
Eine komplette Woche lang. Es war zum verrückt werden…..
Resümee:
Meine „Kinderkuren“ in den zwei großen Heimen (1972, 1976) waren grausam, unmenschlich und nicht kindgerecht. Die Aufenthalte in den kleineren Heimen (1978, 1979) waren – aus meiner Sicht heute – ok bis gut. Natürlich muss man berücksichtigen, dass ich auch schon etwas älter war und wusste, welche Vorschriften und Regeln in den Heimen herrschten.
Mit der Jugendkur hadere ich noch sehr. Warum mussten wir Mädels und junge Frauen, zwischen 14 und 17 Jahren, so oft in die Sauna? In einem Alter, wo sich der Körper stark verändert und ein größeres Schamgefühl entsteht.
Und warum wurde der Saunaaufguss immer von einem Mann vollzogen?
Es gab doch genügend Frauen. Abschließend haben wir Mädels ein Gedicht verfasst. Die Betreuer wurden nicht nur positiv erwähnt. Warum war das so?



Quelle: Unterlagen, Petra Webersik
Und warum wurden wir bei der Jugendkur angeleitet Zärtlichkeiten mit anderen Mädels auszutauschen?
Wie wir durch unsere Recherche erfuhren, ist in Muggendorf in den 60ern ein sechsjähriger Junge lebensgefährlich verunglückt. Es geschah auf einer Wanderung zwischen dem BRK-Heim und der Ostwaldhöhle.
Ein Suchtrupp fand diesen Jungen erst in den Abendstunden. Er lag 15 Meter in der Tiefe, an einer Felswand, schwer verletzt. Es hieß zunächst in der Zeitung, dass er den Sturz überlebte. Wie ich erfuhr, ist er an den Folgen seiner schweren Verletzungen verstorben.
Das stimmt mich sehr, sehr traurig. In 2024 lief ich diesen Weg ab und kam zu der Überzeugung, dass es unverantwortlich war, diesen Weg mit kleinen Kindern in einer Gruppe zu laufen. Alle Wanderwege zieren viele herausragende Baumwurzeln, an denen sich kleine Füße verfangen können. Auch gibt es an gefährlichen Stellen keine Geländer oder gar Absperrungen. Wir waren 18 Kinder in unserer Gruppe mit teilweise nur einer Betreuerin.

Quelle: Verlag unbekannt
Heute ist das ehemalige Kinderkurheim Muggendorf ein Pflegeheim. Bei meinem Besuch in 2024 „lebten“ meine Erinnerungen noch einmal auf. Es ist doch erstaunlich, obwohl das Haus modernisiert und den neuen Anforderungen angepasst wurde, konnte ich mich sehr gut an die Räumlichkeiten erinnern.
Was mich sehr betroffen macht, ist die Tatsache, dass die Menschen, die inzwischen in dem BRK-Heim untergebracht sind, auch heute nach über 50 Jahren nicht entkommen können.
Im Mai 2023 war ich ziemlich überrascht, als ich auf die Internetseite des Vereins “Initiative Verschickungskinder” aufmerksam wurde. https://verschickungsheime.de
Ich las dort die Erfahrungsberichte von anderen ehemaligen Verschickungskindern, die sich mit meinen Erinnerungen decken. Ich erkannte endlich, so verkehrt war mein kindliches Verhalten gar nicht, sondern eher dieses Verschickungssystem, mit dem Milliarden verdient wurden.
„Es ist nicht meine Schuld, dass die Welt so war, wie sie war.“
Petra Webersik

Foto: Petra Webersik, 2024
Mein Erinnerungsbesuch – Muggendorf:
Und dann war ich da.
Naja, so schnell ging es dann doch nicht.
Die Reise plante ich im Vorfeld gründlich. Ich beschloss, zwei Tage vorher anzureisen, um mich in den Ort und die derzeitigen Gegebenheiten einzufinden.
Auch plante ich, mir außerhalb ein Quartier zu suchen und lieber täglich eine längere Anreise in Kauf zu nehmen.
Bloß nicht an diesem Ort übernachten. Bloß nicht…
Erst am letzten Tag wollte ich mich dem Alptraum meiner Kindheit stellen und verabredete mich in den Morgenstunden mit dem Bürgermeister zu einem Gespräch und anschließend mit der derzeitigen Heimleitung, um mir das ehemalige Kinderkurheim anzuschauen.
Aber hübsch der Reihe nach…..
Im Sommer 2024 fahre ich mit der Bahn von Rügen in die Fränkische Schweiz.
Im Vorfeld hatte ich mir sehr viele Gedanken gemacht. Wie und wo will ich übernachten? Naturverbunden, wie ich bin, und da die Natur auch dazu beitragen kann, zu heilen, erscheint mir ein Naturcampingplatz mit unkomplizierten Menschen um mich herum genau richtig.
Ich wähle einen Platz aus, sehr schön gelegen an einem See. Ich sehe Fotos im Internet. Abends laden atemberaubende Sonnenuntergänge zum Träumen ein.

Foto: Petra Webersik, 2024
Ich bin mir sicher, dass dieser Ort dazu beitragen wird, mich von den quälenden Gefühlen und Gedanken des Tages zu befreien. Ich fahre also los. Im Gepäck viele Fragen und Erinnerungen, die geklärt werden wollen.
Auf dem Campingplatz angekommen, richte ich mich in meinem kleinen Zelt ein.
Bereits in der ersten Nacht schlafe ich tief und fest, obwohl ein ICE nach dem anderen über die nahegelegene Bahntrasse rauscht. Die Natur hilft beim Heilen… ja, so soll es sein… Zu Hause durchlebe ich seit meiner Kindheit oft schlaflose Nächte. Gott sei Dank, hier nicht.
Im Morgengrauen und bei 9 Grad Celsius Außentemperatur verlasse ich mein Zelt, um unter der Außendusche meinen müden Körper zum Leben zu erwecken.
Ich kleide mich an, frühstücke, streife mir die Wanderstiefel über. Inzwischen ist es hell geworden. Ich mache mich auf dem Weg in ein neues Abenteuer.
Genau an den Ort, an dem ich als kleines Mädchen misshandelt und gequält wurde.
Die bewusst gewählte einstündige Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hilft mir, mich auf den Tag einzustimmen. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich kann etwas mehr hineingleiten. Nicht so: Zelt auf und da bin ich.
Am Ziel mit dem Bus angekommen, breitet sich ein bedrückendes und beklemmendes Gefühl in meinem ganzen Körper aus. Ich bleibe wie gelähmt stehen. Ich kann mich nicht bewegen. „Atme, atme tief ein- und aus“ , schießt es mir durch den Kopf.
Erst nach einer Weile beruhigt sich alles. Die Umgebung, mein Kopf und auch meine Gefühle. Ich gehe langsam hinunter zum Bahnhof. Heute hält hier nur noch an den Wochenenden und Feiertagen eine historische Eisenbahn. Es ist Samstag und tatsächlich ertönt in diesem Augenblick das Schnaufen einer schweren Dampflok. Gefolgt von einem lauten Signal. Die historische Bahn hält kurz am Bahnsteig. Fröhliche Kinder schauen mit ihren Eltern aus den Fenstern der Wagons. Wie idyllisch, farbenfroh und fröhlich doch heute alles wirkt.
Wenn ihr nur wüsstet…
An diesem Bahnhof kamen damals meine Schwester und ich um 18:23 Uhr im Dunkeln an. Wie gespenstisch doch diese alten inneren Bilder auf mich wirken?! So dunkel. Und noch mehr, dieser lange, anschließende Spaziergang durch die düstere Nacht, durch eine nicht vertraute Umgebung, hinauf zum Heim. Heute, an einem sonnigen Tag, ist davon nichts mehr übrig, außer meine trüben Erinnerungen von 1972.
Das Gebäude ist in die Jahre gekommen. Im Inneren der Bahnhofshalle wird eine Ausstellung zum Ort gezeigt. Ja, toller Ort, wunderschöne Gegend…
Wie der Ort hier nur angepriesen wird?! Wenn ihr doch alle nur wüsstet.
Ich verlasse die Bahnhofshalle und gehe hinauf zum Rathaus. Eine Dame an der Information will mir Wanderrouten schmackhaft machen. Ich erzähle ihr, dass ich aus anderen Gründen hier bin. Ihre Freundlichkeit weicht. Sie wird ernst. Sie erzählt mir, dass in der letzten Zeit so viele ehemalige Heimkinder kommen.
Ja, wir sind alle auf der Suche. Wollen uns erinnern. Haben viele Fragen und fürchterliche Erinnerungen und Szenen im Kopf.
Ich gehe in den Ort, will mit Menschen, die hier leben, in Kontakt kommen. Ich möchte meine vielen Fragen klären. So viele Fragen.
Auf dem Weg zur Kirche schaue ich mich bewusst um. Ich schaue in die Fenster der angrenzenden Häuser. Ihr wollt alle nichts mitbekommen haben? Kann das wirklich sein? Oder habt ihr alle weggeschaut? Ich höre im Ohr die Kinder weinen und schreien.
Warum habt ihr es nicht gehört?
Die Tür zur Kirche ist verschlossen. Auf dem dahinter liegenden Friedhof richtet ein Mann ein Grab. Es ist inzwischen Mittag. Die Sonne scheint. Es ist warm. Für mich viel zu warm. Ich gehe auf den Mann zu. Wir kommen ins Gespräch. Ich frage ihn, ob er schon lange in dem Ort lebt und ob er etwas zu dem Kinderkurheim sagen kann.
Er fragt mich: „Waren Sie etwa dort?“ „Ja.“ “ Oh, da mussten sie aber ganz schön spuren“. Auf meine Nachfrage, wie er das meint, wirkt er auf mich plötzlich nervös und verabschiedet sich schnell.
Ich schreite die Reihen der Gräber ab. Ob die Oberschwester Liesel hier auch begraben ist? Wer liegt hier auf dem Friedhof? Habt ihr vielen etwas mitbekommen? Habt ihr unser Weinen und Schreien nicht gehört?
Habt ihr das Wissen um uns mit ins Grab genommen?
Ich gehe weiter hinauf in den Wald. Andre hat recht. Hier liegen überall diese Baumwurzeln frei. Hier sind wir Kinder gestolpert und gefallen. Unsere kleinen Füße blieben an diesen Baumwurzeln hängen. Ich höre das Weinen und Schluchzen von Kindern in meinem Ohr. Wir wurden unserem Schicksal überlassen. Keiner war da und nahm uns in den Arm. Keiner hat uns getröstet. Keiner hat uns zugehört. Das Weinen in meinem Ohr wird immer lauter…
Ich laufe hinauf nach Neudorf. Ich erinnere mich genau. Hier war ich als kleines Mädchen. Ich blicke zurück. Ja, genau hier haben wir gestanden. Das Bild hat sich so tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Es sieht noch fast genauso aus, wie vor über 50 Jahren. Ja hier, hier genau stand ich…
Von dort laufe ich den Weg zurück zum Kinderkurheim. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir diesen Weg durch den Wald nahmen. Es ist aufregend zu erkennen, dass ich mich noch so gut erinnern kann, aber zugleich auch sehr bedrückend und beängstigend.
Ich höre wieder das Weinen und Schreien von Kindern. Wenn das doch endlich mal aufhören würde…
Am Kinderkurheim angekommen, entdecke ich die hintere Treppe. Darüber sind wir in den Wald gekommen. Nach über 50 Jahren sind die Stufen mit Moos bedeckt. Heute nutzt sie keiner mehr.
Diese Treppe kennt unsere kleinen Füße, unseren Gleichschritt, unsere Ängste und auch unsere Stimmen. Alles erscheint mir so vertraut.
Ich höre wieder die Kinder schreien.
So stehe ich nun vor dem hinteren Teil des Heimes. Ich blicke hinauf. Dort in den oberen Zimmern haben wir geschlafen. Dort oben haben sich grauenhafte Szenen abgespielt. Das Schreien der Kinder wird lauter. Es überkommt mich eine große Traurigkeit.
Ich schaue mich um. Warum habt ihr als Nachbarn nichts unternommen? Ihr… ja ihr müsstet es doch mitbekommen haben.
Wir waren Kinder. So hilflos. So schwach. Und so klein…
Ich laufe zurück in den Ort, der auf mich wie eine Geistersiedlung wirkt.
So ausgestorben, so leer. Auch der Supermarkt hat bereits geschlossen. Ich habe viele Fragen. So viele Fragen.
Wo finde ich Antwort?
Es ist viel zu warm. Ich sehe nur Familien mit fröhlichen Kindern. Alle in Wanderstiefeln und mit Rucksäcken. Sie verbringen bestimmt ihren Urlaub in Muggendorf.
Sie sind nicht zur Kur.
Nein, fröhliche Kinder gab es damals nicht.
Wenn ihr doch alle nur wüsstet, was für eine schwere Last auf diesem Luftkurort ruht.
Das Schreien und Weinen der Kinder in meinem Ohr wird nun unermesslich laut…

Fotos von meiner Reise nach Muggendorf:

Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024


Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024






Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024


Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024





Foto: Petra Webersik, 2024



Foto: Petra Webersik, 2024

Foto: Petra Webersik, 2024
Wissenswertes noch zum Schluss:
Über 15 Millionen Mal wurden zwischen 1945 und 1990 in Deutschland Kinder verschickt.
Weitere Informationen zu den Verschickungen, die in Deutschland durchgeführt wurden, finden Sie auf der Webseite www.verschickungsheime.de
Die DAK-Gesundheit legt Studie vor und bittet Betroffene um Entschuldigung
Angaben zur Publikation:
Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl: Kur oder Verschickung?
Die Kinderkuren der DAK zwischen Anspruch und Wirklichkeit, Dölling und Galitz Verlag, 304 Seiten, ISBN 978-3-86218-163-6
Buchempfehlungen:
Verschickungskinder: Eine verdrängte Geschichte, Lena Gilhaus, Kiepenheuer & Witsch, ISBN978-3462002881
Das Elend der Verschickungskinder: Kindererholungsheime als Orte der Gewalt, Anja Röhl, Psychosozial-Verlag, ISBN978-3837930535
Heimweh–Verschickungskinder erzählen, Anja Röhl, Psychosozial-Verlag, ISBN 978-3837931174
Video zum BRK-Heim in Muggendorf:
„In den nächsten Jahren werde ich definitiv noch weiter Licht in dieses dunkle Kapitel bringen. Diese Seite wird weiter wachsen. Neue Kunstwerke sind in Planung. Auch die Forschung zu meinen Verschickungen möchte ich vorantreiben. Reisen nach Muggendorf und Schuppenhörnle sind geplant. Wenn Sie möchten, schauen Sie gerne wieder vorbei und begleiten Sie mich auf meinen Weg.„
Petra Webersik